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Japaner-Route in der Eiger Nordwand zum ersten Mal frei geklettert - von Robert Jasper

Seit sechs Jahren lässt uns dieses Projekt am Eiger nicht mehr los. Immer wieder stiegen Roger Schaeli, mein Schweizer Kletterpartner und ich über den Wandvorbau zu den ges- chichtsträchtigen Seillängen des Schwierigen Risses und der Roten Fluh hinauf.

Die Rote Fluh ist der abweisendste und steilste Wandbereich der gesamten Eiger Nordwand. Unser Ziel war es, die Japaner-Diretissima frei zu klettern. Wir haben es nun, auf den Monat genau zum 40 jährigen Jubiläum der 1969 eröffneten Route endlich geschafft.

28. August 2009: Es ist recht warm für die Eigerwand, etwas über Null Grad. In der Roten Fluh sind schwarze Schmelzwasser-Streifen zu erkennen, genau da wo wir hinauf müssen. Sehr schlechte, rutschige Verhältnisse zum klettern. Ob wir heute bei diesen Verhältnissen diese klettertechnische Schlüsselstelle der Eigerwand frei meistern können wissen wir nicht.

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Die glatte Rote Fluh hatte der bedeutende Bergsteiger Hermann Buhl vor ungefähr siebzig Jahren mit der Nordwand der Westlichen Zinne verglichen: unbezwingbar in freier Kletterei. Durchgehende Schwierigkeiten im achten und neunten Grad, knallharte Boulderpassage an kleinsten Leisten und Seitgriffen, der 10 Grad in mitten der Eigernordwand nahezu doppelt so hoch wieder die großen Granitwände des El Cap imYosemite-Tal.

Roger und mir war in den letzten Jahren zweimal die Rote Fluh frei, rotpunkt, gelungen. An ein Weiterklettern durch die Gipfelwand mit ihrem fürchterlich brüchigen Fels, dem berüchtigten, permanenten Steinschlag und den 40 Jahre alten Rosthaken war aber wegen ungünstiger Wetterlagen der letzten Sommer nie zu denken gewesen.

Ungefähr die Hälfte der Griffe der Roten Fluh sind vom Schmelzwasser nass. Wir klettern und kämpfen uns vorwärts. Zwei der schwierigsten Seillängen müssen wir mehrfach probieren. Mit nassen, eiskalten Fingern schnappe ich nach den winzigen Griffen der Schlüsselseillänge, mit gefühllosen Zehen in den engen Kletterschuhen aufnassen Tritten rutschend versuche ich die einstudierten Bewegungsfolgen der Schlüsselpassage.

Der eiserne Wille es jetzt und heute zu schaffen treibt mich voran, setzt ungeahnte Kräfte frei. Das ganze Training, die lange gewissenhafte Vorbereitung, die Härte zu sich selbst zahlt sich aus. Im dritten Versuch gelingt mir die Schlüsselseillänge und ich erreiche den Standplatz (Schwierigkeitsgrad 10-/8a).

Den folgenden Schlechtwettertag (29. August) sitzen wir im Zelt am “Stollenloch” aus. Der Luftdruck am darauf folgendenTag steigt wie vorhergesagt. Das ist unsere Chance. Am 30. August geht es noch in der Nacht, im Schein der Stirnlampen wieder hinauf. Zügig klettern wir über das 2. Eisfeld, das nur noch aus schwarzem Blankeis mit Schottereinlagerungen besteht, mitten hinein in die riesige furcht einflössende Gipfelwand. Brüchige Pfeiler, überall schotterbedeckter, vom Steinschlag geborstener Fels, dazu wenig Sicherungsmöglichkeiten und sehr wenig alte rostige und vom Steinschlag stark in Mitleidenschaft gezogene, 40 Jahre alte Haken der japanischen Expedition.

Dazu das ständige surren und pfeifen der herunterfliegenden Steine. Es sind zum Glück meistens nur kleine. Anspruchsvollste Eiger-Kletterei, wie aus dem Geschichtsbuch ein Abenteuer, das seines Gleichen sucht. Kurz vor dem Center-Band, unserem anvisierten dritten Biwak in der Wand, setzt plötzlich intensiver Steinschlag ein. Ein faustgroßer Brocken trifft mich genau auf den Helm, schlägt fast durch. Ich kralle mich fest an die Wand und kann stehen bleiben.

Entnervt, geschafft und psychisch etwas angekratzt, bauen wir in Schrebergärtner-Manier auf einem schmalen Felsvorsprung eine Terrassefür unser kleines Wandzelt. Die Steinsalven schlagen wenige Meter neben dem Zelt ein. Rein ins enge Zelt und den Reisverschluss zu. Die Zeltplane umhüllt uns, wir fühlen uns schnell geborgen, die blank liegenden Nerven bekommen wohlverdiente Pause. Etwas essen, ein wenig trinken, mehr gibt es nicht.

Wir kriechen in die leichten Schlafsäcke, erst nach Mitternacht hört der Steinschlag auf. Da es in der Gipfelwand kein Wasser und fast kein Eis gibt, haben wir für uns zusammen nur 4 Liter Wasser für 2Tage eingeplant.Trotz aller Strapazen erholen wir uns bis zum Morgen erstaunlich gut. Wie die Tage zuvor, geht es am vierten Tag in gemeinsamer Wechselführung weiter. Am Sphinxpfeiler kämpft Roger wie ein richtiger Samurai, er hat hier noch eine Rechnung mit der 6,A2 Seillänge offen. Erst die Wand-, dann Kaminkletterei in sehr brüchigem Fels.

Dieses Mal klappt es auf Anhieb frei, eine harte 9 (7b). Über anhaltend heikle alpine Kletterei und haarsträubenden Quergänge erreichen wir das Gipfel-Eisfeld. Ein alter eingefrorener Rucksack, sicher vom Amerikaner Jeff Lowe zurückgelassen, bietet willkommene Sicherung. Wir hatten nur zwei Eisschrauben mitgenommen. Im letzten Abendlicht steigen wir auf die Westflanke aus.

Wir haben es geschafft! Roger und ich fallen uns auf dem Gipfel des Eiger in die Arme. Sechs Sommer lang haben wir diesen gemeinsamenTraum gelebt. Jetzt stehen wir oben und wie ein Diamant liegt das gemeinsame Abenteuer hinter uns. Ein absoluter Höhepunkt in unser beiden Bergsteigerleben.

Quelle: www.krah.com
Text: Robert Jasper
Fotos: Frank Kretschmann, Franz Walter
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